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Neue Entdeckungsreise vom alten Amerika und seinen heiligen Schriften
John L. Sorenson (April 1985)

Die Ansicht über das alte Amerika und seine Schriften hat sich geändert Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Artikelserie, die sich damit beschäftigt, wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse Erkenntnisse hervorgebracht haben, die das Buch Mormon untermauern und teilweise erklären können. Während des gleichen Zeitraums haben auch die Heiligen der Letzten Tage das Buch Mormon sorgfältig untersucht und in ein neues Licht als Dokument aus dem alten Amerika gerückt.
Dieser Artikel beschäftigt sich mit einem weiteren großen Bereich des Lebens im alten Amerika.

Die Schrift
Dr. Sylvanus G. Morley, damals der bekannteste unter den Gelehrten, die die Kultur der Mayas erforschten, hat zusammengefaßt, was die Experten im Jahre 1935 über die Entwicklung der Schrift in der Neuen Welt dachten:
„Die Schrift der Mayas stellt ein sehr frühes Stadium in der Entwicklung eines graphischen Zeichensystems dar, das heute noch vorhanden ist. . . Es ist gut möglich, daß wir hier die früheste Stufe eines uns bekannten Zeichensystems vor uns haben.
Die Inschriften der Mayas erzählen vornehmlich von Geschichte, Astronomie - vielleicht sollte man lieber Astrologie sagen - und Religion. Sie sind in keinem Sinne als Verherrlichung einer bestimmten Person zu verstehen, auch nicht als Eigenlob wie die Inschriften in Ägypten, Assyrien und Babylon.
Sie erzählen nicht von den Eroberungen eines Königs, nichts von seinen Errungenschaften. Sie loben und verherrlichen nichts, sondern sind so unpersönlich, . . . daß es sogar wahrscheinlich scheint, daß niemals der Namenszug von bestimmten Persönlichkeiten in ein Monument der Mayas eingraviert wurden [1].” Diese Theorie stimmt keinesfalls mit dem Buch Mormon überein.
In den siebziger Jahren änderte sich die Ansicht der Gelehrten jedoch grundlegend. Michael Coe spricht jetzt mit scharfer Kritik von der „sehr abwegigen Meinung”, die zu Morleys Zeit verbreitet war, nämlich daß die Inschriften der Mayas nur ein wenig mehr als „chronologischer Unsinn" seien. Die Meinungsänderung begann im Jahre 1958, als Heinrich Berlin ein Werk veröffentlichte, das laut Coe zeigt: „Die Reliefs und die Inschriften der Mayas berichten von geschichtlichen Ereignissen, die nichts mit Okkultismus und Religion zu tun haben, sondern vom alltäglichen, chaotischen politischen Leben der primitiven Staaten handeln, die von kriegsbesessenen Herrschern geführt wurden, denen es darum ging, andere Staaten der Mayas unter ihre Herrschaft zu bringen [2]." Dieser neue Gesichtspunkt stellt die Mayas an die Seite anderer Frühzivilisationen der Welt, deren Geschichte von Eroberungen, Gefangenendemütigungen, königlichen Hochzeiten und Königshäusern erzählt [3]. Außerdem werden die Mayas hierdurch den Nephiten und den Lamaniten ähnlicher.
Für die Gelehrten barg das Buch Mormon für einen gewissen Zeitraum noch weitere Zweifel: Moroni hatte geschrieben, daß die Schrift, „die wir unter uns reformiertes Ägyptisch nennen, überliefert und von uns gemäß unserer Sprechweise abgeändert” worden war. (Siehe Mormon 9:32.) Diese Schriftzeichen müssen ein phonetisches Element enthalten haben - sie stellten bis zu einem bestimmten Grad Laute dar. Führende Wissenschaftler wie Morley, Thompson und Barthel waren hingegen der Ansicht, daß in den Schriftzeichen der Mayas nur beschränkt phonetische Zeichen enthalten waren [4]. Der sowjetische Wissenschaftler Juri Knorosow begann damit, diesen Irrtum zu berichtigen [5]. Heutzutage geht man allgemein davon aus, „daß das System der Mayas eine bedeutende phonetische und silbenbezogene Komponente hatte”, so wie Moroni das Schriftsystem der Nephiten beschrieben hat [6].
Es stimmt natürlich, daß die mittelamerikanischen Schriften viele ideographische Zeichen enthalten, die für ein ganzes Wort stehen und nichts mit einem bestimmten Laut zu tun haben. Ein Zeichen kann auch mehrere Bedeutungen haben, wobei die eigentliche Bedeutung nur aus dem Zusammenhang und dem Erfahrungsschatz des Lesers zu bestimmten ist. „Hierfür braucht man viel Zeit und größte Geduld [7].” Hier klingt wieder Moroni an, der sich darüber beklagt, daß die nephitischen Schreiber im Schreiben „nicht mächtig” waren. Sie konnten wegen „der Unbeholfenheit” ihrer Hände nur wenig schreiben und stolperten, wenn sie ihre Worte setzen sollten. (Siehe Ether 12:22-25.) Auch Mormon beklagte sich über das System der geschriebenen Sprache. „Es gibt vieles, was wir gemäß unserer Sprache nicht imstande sind zu schreiben [8].” (3. Nephi 5:18.) J.E.S. Thompson sagt das gleiche über die Schriften der Mayas: „Sowohl die Ansichten über das All als auch Rituelles machten es schwer, etwas genau in der Schrift auszudrücken. . . Der Leser mußte sich in der Mythologie und Volkskunde auskennen, um den Text zu verstehen [9].” Auch die Aussprache konnte unklar sein.
Die Schriftzeichen der Mayas werden aus zwei Gründen hier gesondert behandelt: Sie sind am besten bekannt, und sie stammen aus der Spätzeit des Buches Mormon. Die Bewohner der Yucatan-Halbinsel, die die Sprache der Mayas sprachen, gravierten von 300 n. Chr. bis 900 n. Chr. Hunderte von Inschriften auf Monumente aus Kalkstein. Ihre Nachkommen wußten noch genug von der alten Kultur, so daß sie den Spaniern nützliche Informationen über das Gedanken- und Schriftsystem der Mayas geben konnten. Nur das aztekische System hatte sich in vielen Einzelheiten erhalten, aber es war auch einfacher und stammte aus einer späteren Zeit [10]. Insgesamt sind uns mindestens vierzehn Schriften aus Bildzeichen aus Mittelamerika bekannt [11]. Aber nur drei davon - die Mayaschrift aus der Ebene, die Schrift der Azteken und die Schrift der Mixteken - sind teilweise entziffert. Für manche Schriftsysteme liegt nur ein einziger Text vor [12]. So wie die Anthon-Abschrift, die Joseph Smith uns hinterlassen hat, werden wir diese Texte wohl nicht eher besser verstehen, als bis wir weitere Texte haben, mit denen wir arbeiten können.
Wir können jedoch mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß die bisherigen Funde belegt haben, daß in den meisten mittelamerikanischen Kulturen seit spätestens 1000 v. Chr. Aufzeichnungen geführt wurden (es gibt auch Ausnahmen) [13]. Wir können wohl annehmen, daß es in der westlichen Hemisphäre vor der Entdeckung durch die Europäer nirgendwo anders Schriftzeichen gegeben hat [14]. Wir wissen zwar von fragmentarischen Schriftzeichen an vereinzelten Stellen in Südamerika, aber es ist nicht erwiesen, ob es sich dabei tatsächlich um alte Inschriften handelt. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß das Buch Mormon von einem Volk erzählt, das schreiben konnte und vor Tausenden von Jahren in der unmittelbaren Nähe der „Landenge”, also dem Gebiet um den Isthmus Mittelamerikas, gelebt hat, und daß nach bisherigem Wissen nur in diesem Gebiet der Neuen Welt ein ähnlicher Umgang mit der Schrift vorlag.
Ein anderer wichtiger Punkt, den die frühen Gelehrten außer acht gelassen haben, ist die Tatsache, daß sich die Bildzeichen der Ägypter und der Mayas in der Struktur sehr ähneln. Linda M. Van Blerkom von der Universität von Colorado hat die sechs Hauptmerkmale, die beiden Zeichengruppen gemein sind, aufgelistet und so deutlich gemacht. Sie schreibt folgendes und antwortet damit auf Morleys Hypothese: „Wer die Bildzeichen der Mayas auf eine niedrigere Entwicklungsstufe verweist als . . . die Systeme der Zivilisationen der Alten Welt, der befindet sich im Irrtum. Die Bildzeichen der Mayas wurden in sechs Bereichen auf die gleich Weise gebraucht wie die ägyptischen [15].”

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Dieses zylinderfärmige Siegel aus der Olmezeit wurde im Jhare 1948 in der Nähe von Mexiko City gefunde. Es ist wohl das früheste und am weitesten entwickelte "Schriftstück", das wir aus Mittelamerika kennen. Einge Symbole, die auch in der "Anthon-Abschrift" vorkommen, lassen sich auch in den Schriften der Alten Welt nachweisen.

Die Schrift der Ägypter und der Mayas ähneln sich aber noch in einem weiteren Punkt: Beide haben viel mit dem Religiösen zu tun, entstammen ihm vielleicht sogar. Hodge ist der Ansicht, daß „die geheimnisvolle Macht von Sprache und bildlicher Darstellung” erklärt, warum die Bilderschrift bei den Ägyptern entstanden ist und warum sie sich so lange gehalten hat. Die Agypter nannten ihre Schrift "die Worte des Gottes" [16]. Thompson spricht von dem engen Zusammenhang zwischen der Bilderschrift der Mayas und ihrer Religion, denn es gibt keinen Zweifel daran, daß viele Zeichen und vielleicht sogar die Bezeichnung der Bilderschrift religiös begründet waren [17].
Morley und seine Kollegen haben den Zusammenhang zwischen Schrift und Religion zwar richtig erkannt, haben aber nicht bemerkt, daß noch andere Komponenten eine Rolle gespielt haben. Die Schrift diente dazu, Heiliges aller Bereiche des täglichen Lebens durchdringen zu lassen - Handel, Regierung, Geschichte, Kalender, Astronomie, auch Kämpfe, Opfer, Tod, Gesundheit, Schicksal und Genealogie. All das hatte einen religiösen Tenor, und alles erforderte die Beherrschung der Schrift.
Michael Coe beispielsweise ist der Ansicht, daß die Abbildungen auf den bekannten Vasen aus Gräbern aus der Mayazeit aus einem langen Lied stammen, das für den Toten oder den Sterbenden gesungen wurde. Das Hauptthema ist der Tod und die Wiederaufstehung der Herren des Mayareiches. „Es ist nicht auszuschließen, daß es im klassischen Maya ein Totenbuch gab, das dem Totenbuch der alten Ägypter ähnelt [18]." Weiter schreibt er: „Zu der Zeit muß es Tausende von solchen Büchern gegeben haben.” Das heilige Buch der Quiche-Mayas aus dem Hochland Guatemalas, das Popol Vuh, ist eine spätere Version eines solchen Totenbuches, höchstwahrscheinlich sogar eine Abschrift eines Originals in Bilderschrift [19]. Die meisten Mayas wußten um die Mythen, die darin dargestellt wurden, sie kannten die Vorstellungen von Tod, Auferstehung, Erschaffung und Bestimmung, die in einem solchen Buch festgehalten waren. Die Version der Mayas ist nur die am besten erhaltene. Andere Kulturen Mittelamerikas hatten ähnliche Vorstellungen und Gebräuche. Coe fügt hinzu: „In Mittelamerika gab es eine einzige Gedankenstruktur, ...die wir heute die mittelamerikanische Religion nennen [20].”
Zu der gesamten Fülle dieser Religion hatten hauptsächlich die Priester Zugang, denn nur sie waren in der Lage, die komplexe Sprache zu beherrschen, die notwendig war, um das religiöse Schema zu durchschauen. „Die Schrift der Mayas scheint in eine Art
von Priestersprache eingebettet zu sein.” Man mußte genauestens über die „Vielzahl der Metaphern und der Methode, Namen zu umschreiben und zu verschlüsseln”, unterwiesen werden [21]. Wer dieses System kannte, hatte gleichzeitig auch das Recht auf eine Führungsposition, denn die Priester waren auch gleichzeitig die Herrscher und umgekehrt [22].
Die Bilderschrift war deshalb so schwer zu beherrschen, weil unter anderem der literarische Stil so komplex war. Vor fünfzig Jahren wußte natürlich niemand viel vom Stil in den Mayatexten. Aber schon 1950 konnte Eric Thompson schreiben:
„Ich bin fest davon überzeugt, daß es in den Schriften der Mayas aus der Kolonialzeit und in den Bilderschrifttexten der Psalmen und Ijobs enge Parallelen zueinander gibt.”
Er stellt fest: „Beide sind so angeordnet, daß die zweite Zeile eines Verses eine Variante der ersten Zeile ist, die den Gedanken mit anderen Worten wiederholt.” (Beispiele siehe Klagelieder 3:7 und Jeremia 51:38.) Das gleiche Muster ist auch in den Dokumenten der Yukateksprache des sechzehnten Jahrhunderts sowie in den „ Chilam Balams” von Chumayel und Tizimin, desweiteren in einem Gebet eines Mayaindianers aus dem Jahre 1907. Sir Eric sagt über diese Sprache folgendes: „Man achte auf den Rhythmus der Zeilen, auf die freie Verwendung von Jamben, auf den Rahmenverscharakter jeder Zeile. Diese Verse von hohem Niveau, die . . . mit Lauten spielen, bedienen sich keiner Reime, sondern Wortspielereien [23].”
Munro Edmonson von der Universität von Tulane geht noch weiter; „Das Popol Vuh ist Poesie und kann in Prosa nicht verstanden werden. Es besteht zur Gänze aus parallelen Verspaaren.” Diese Form sowie die Art der Wurzeln der Mayasprache trägt dazu bei, daß es so schwer ist, eine verbindliche Bedeutung aus den Texten herauszulesen. „Oft kann man mit Fug und Recht mehr als ein Dutzend unterschiedliche Bedeutungen für eine einzige einsilbige Wurzel vorlegen [24].” Edmonson behandelt auch den Gebrauch von Parallelismen, wie sie auch in den Psalmen vorkom tung enp verquickt sein mußten und manchmal Wortspiele enthielten, die nicht in unsere heutigen Sprachen übertragen werden können.
All das erinnert an die Sprachformen der hebräischen Sprache, an die Semantik und den Stil. Man kann nun natürlich nicht einfach behaupten, daß die Merkmale der einen Sprache direkt aus der anderen gekommen sind, aber die Mayas wären mit der Stilkonzeption und der Form sehr vertraut gewesen, die ein Hebräer in einem Text der Mayas hätte verwenden wollen.
Hierbei wird man natürlich wieder an den Chiasmus erinnert, jene Stilform, die im Buch Mormon und in den Texten aus dem Nahen Osten und dem Mittelmeerraum so verbreitet ist [25]. Der Chiasmus ist eine Abwandlung des Parallelismus. Ein direkter Parallelismus lautet beispielsweise folgendermaßen: „Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn.” (Sprichwörter 15:1.) Der enge Zusammenhang zwischen den Gedanken in den beiden Zeilen wird im Chiasmus umgedreht, so daß der Gedanke in der zweiten Zeile andersherum erscheint: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.” (Jesaja 55:8.) Es sind sogar so umfangreiche Chiasmen bekannt, beispielsweise im Buch Mormon, wo sich der Chiasmus über Tausende von Wörtern erstreckt und nur aufgrund einer genauen Analyse überhaupt sichtbar wird [26]. Vor zehn Jahren habe ich Thompson gefragt, ob es in der Literatur der Mayas den Chiasmus gebe, und er mußte zugeben, daß er noch niemals etwas davon gehört hatte. Als ich die Form des Chiasmus beschrieb, bekundete er Interesse und sagte, daß es sich bei kurzen Abschnitten der Chialm-Balam-Texte tatsächlich um Chiasmen handeln könne. Andere mögliche Beispiele für Chiasmen in den mittelamerikanischen Texten verdienen mit den Yukatektexten weitere Betrachtung [27].
Die Wortspiele der Mayasprache (und auch anderer mittelamerikanischer Sprachen) sind den semitischen und der ägyptischen Sprache ähnlich. Carleton Hodge hat beobachtet: „Die Struktur der semitischen Sprache macht es möglich, daß man Wortspiele entwickeln und verfeinern kann.” Die indoeuropäischen Sprachen sowie viele andere haben für diese Art von Wortspielen keine Möglichkeit. Hodge ist der Ansicht, daß sich die Bilderschrift der Ägypter teilweise aus der Neigung zu Wortspielen entwickelt haben könnte [28].
All dies stimmt auf bemerkenswerte Weise mit dem überein, was das Buch Mormon andeutet. König Benjamin sorgte dafür, daß seine Söhne „in der gesamten Sprache seiner Väter” unterwiesen wurden (siehe Mosia 1:2; es versteht sich wohl von selbst, daß Priester für die Unterweisung zuständig waren). Es ging dem König darum, daß seine Söhne die esoterische Sprache beherrschten, in der die Aufzeichnungen der Vorfahren, die „die Geheimnisse Gottes” enthielten, geschrieben waren.
Zur Zeit der Eroberung kannten in Yucatan nur die Priester, die Söhne der Priester, manche Regierenden und die Söhne der Regierenden die Bilderschrift [29]. König Benjamin erfüllte also seine Aufgabe als Vater, als er seine Söhne unterweisen ließ. Beachten Sie bitte, daß auch Zeniff stolz darauf war, daß er diese Fähigkeit besaß, daß er ganz zu Anfang in seinem Bericht, den wir in Mosia 9 finden, im 1. Vers darauf eingeht, obwohl diese Aussage dort eigentlich gar nicht hinpaßt. Diese Sprache, die so schwer zu bewältigen war, setzte sich aus „der Schrift, die wir (die Nephiten) unter uns reformiertes Ägyptisch nennen” und den semantischen Mittel zum Verständnis dieser Schrift zusammen, nämlich „dem Wissen der Juden”. (Mormon 9:32)
Außerdem stimmen die Schrift aus Mittelamerika und das Buch Mormon noch in einem anderen Punkt überein: Die Schriftzeichen können in mehr als nur einer Sprache verwendet werden. Natürlich gab es phonetische Elemente, wie wir vorher schon gesagt haben. Kulturbewußte Menschen konnten das Schriftsystem entweder lernen, indem sie die phonetischen Determinativa auswendig lernten oder indem sie neue einführten. Offensichtlich war es für das Ägyptische erforderlich, daß im Laufe der Jahrtausende über neue Aussprachen und neues Vokabular nachgedacht wurde, und die Zeichen, die zur Zeit Mormons und Moronis verwandt wurden, wären nicht als reformiert bezeichnet worden, wenn sich das Ägyptische nicht von dem entfernt hätte, was zur Zeit Nephis galt.
Es wäre nicht überraschend, daß, wie Moroni schreibt, „kein anderes Volk unsere Sprache kennt”, wenn die Veränderung groß genug war. Das Schriftsystem veränderte sich weiter, als die Sprache Nephis zur Zeit Almas „unter allen Völkern der Lamaniten” gelehrt wurde. Indem die Lamaniten die Schriftzeichen lernten, konnten sie sich über alle Dialektunterschiede hinweg verständigen und so miteinander Handel treiben. (Mosia 24:4-7.) Die Kaufleute konnten ihre Waren so mit Hilfe der Schriftsprache in jedem Gebiet verkaufen. Es ist kein anderer Grund denkbar, warum die Sprache Nephis den Handel angeregt und so für Wohlstand gesorgt haben sollte. Viele Bilderschriften dienten zu genau diesem Zweck, sie konnten allgemein dort gelesen werden, wo die zwanzig Dialekte der Mayasprache gesprochen wurden, vielleicht sogar noch darüber hinaus.
Im Buch Mormon wird oft erwähnt, daß es sehr viele Aufzeichnungen gab. (Siehe Helaman 3:15; 3. Nephi 5:9.) Viele waren sicher auf gewöhnlichem Papiermaterial festgehalten. Solche Schriften wurden dann auch verbrannt, als die Gläubigen in Ammoniha ins Feuer geworden wurden (siehe Alma 14:8); sie waren ganz sicher aus Papier. Die meisten Aufzeichnungen in Mittelamerika standen auf Papier aus Baumrinde, das nach Ziehharmonikaart zu einem Buch gefaltet werden konnte [30]. Aus dem Gebiet der Mayas sind nur noch drei solcher „Bücher” aus bestimmter, vorkolumbianischer Zeit erhalten [31]. Die Bildzeichen waren in Reihen senkrecht untereinander auf den „Seiten” angeordnet. Die Inschriften der Mayas waren doppelspaltig, und jedes Zeichen mußte mit den Nachbarzeichen fortlaufend von oben nach unten gelesen werden. Vor der Zeit um Christi Geburt war der Text nur einspaltig.
Die „Anthon-Abschrift”, die 1980 als Kopie der Schriftzeichen veröffentlicht wurde, die Joseph Smith von den Schriftzeichen der Platten des Buches Mormon gemacht hatte, waren nur einspaltig, in Übereinstimmung mit dem Alter der „Sprache Nephis”, die in vorchristlicher Zeit gesprochen wurde und in der das Buch Mormon verfaßt wurde [32]. Professor Charles Anthon, dem Martin Harris die Abschrift von Joseph Smith im Jahre 1828 zeigte, verglich das, was er sah, mit dem mexikanischen Kalender, denn sonst hatte er ja kaum Informationen [33].
Man könnte noch mehr über andere Gebrauchsmöglichkeiten von Aufzeichnungen, besonders in bezug auf Schriftzeichen und Schreiber sagen, aber es müßte mittlerweise doch klar geworden sein, wie grundlegend sich unser Verständnis der mittelamerikanischen Schrift innerhalb der letzten Jahrzehnte gewandelt hat. Aufgrund von neuen Informationen sind wir in der Lage, neue Bedeutungen über Schriften und Bücher in das Buch Mormon hineinzulesen. Weitere Ande
rungen sind zu erwarten, Änderungen, die zunehmend für die Schriften und die Gelehrten eine Synthese bringen.

(Wird fortgesetzt)

Literaturverzeichnis
[1] Sylvanus G. Morley, „The Ancient Maya”, 2. Ausgabe, Stanford 1947, Seite 260-261. Die zitierte Aussage stammt aus dem Jahre 1935; siehe Seite 259.
[2] Michael D. Coe, „Ancient Maya Writing and Calligraphy”, Visible Language 5 (1971), Seite 259.
[3] Ebd., Seite 298.
[4] J. Eric Thompson, „Maya Hieroglyphic Writing”, Gordon T. Willey, Handbook of Middle American Indians, 3. Band, Austin, 1965, Seite 652-653; Thomas S. Barthel, „Writing Systems”, Thomas A. Sebeok, Native Languages of the Americas, 2. Band, New York, 1977, Seite 37.
[5] Coe, 1971, Seite 301; David H. Kelley, Deciphering the Maya Script, Austin 1976.
[6] Coe, „Ancient Maya Writing and Calligraphy”, Seite 301; Coe, The Maya Scribe and His World, New York 1973, Seite 11.
[7] Coe, 1971, Seite 301
[8] Moroni hat ganz offensichtlich nicht sagen wollen, daß die Schrift der Nephiten es nicht zuließ, daß sie ganze Themenkreise behandelten, wenn man einmal überlegt, wieviel Themen im Buch Mormon angesprochen werden. In Ether 12:25 wird deutlich, was er sagen wollte; Moroni sagt hier, daß sie „stolpern, wenn wir unsere Worte setzen sollen”. Das war die Schwierigkeit, mit denen sie sich beim Schreiben herumplagen mußten (Siehe Mormon 9:31.) Die Doppeldeutigkeiten, die das Bildzeichensystem begleiteten, hätten sich mit einem alphabetischen System vermeiden lassen. (Vergleiche Mormon 9:33.)
[9] Thompson, Seite 646.
[10] Barthel, Seite 35; George C. Vaillant, The Aztecs of Mexico, 1950, Seite 201-204; Frances F. Berdan, The Aztecs of Central Mexico: An Imperial Society, New York, 1982, Seite 150f.
[11] Coe, „Early Steps in the Evolution of Maya Writing”, H.B. Nicholson Herausgeber: Origins of Religious Art and Iconography in Preclassic Mesoamerica, 1976, Seite 110ff. Coe führt dreizehn Zeichen auf, behandelt aber die Olmekzeichen nicht, die sich ebenfalls als Bildzeichen erweisen könnten, sowie das einzigartige Tlatilkosiegel, auf dem ein völlig anderes System zu sehen ist. Interessante Einzelheiten zwischen diesem System und der „Anthon-Abschrift” werden in Carl Hugh Jones aufgezeigt: „The Anthon Transcript and Two Mesoamerican Cylinder Seals”, Newsletter and Proceedings, Society for Early Historic Archaeology, 1970, Seite 1-8. Material aus David H. Kelley, „A Cylinder Seal from Tlatilco”, American Antiquity 31, 1966, Seite 744ff.
[12] Das Siegel aus Anmerkung 11 und die Kaminaljuyu-Stele 10, siehe Coe, 1976, Seite 115.
[13] Joyce Marcus, „The Origins of Mesoamerican Writing”, Annual Review of Anthropology 5, Seite 44; ihre Datierung ist höchstwahrscheinlich ein Jahrhundert zu spät. Die Bildzeichen auf diesem Monument (Monument 3, San lose Mogote, Oaxaka) sind so stilisiert, daß sie sich nur in Jahrhunderten entwickelt haben können.
[14] Barthel, siehe oben.
[15] Linda Miller Van Blerkom, „A Comparison of Maya and Egyptian Hieroglyphics”, Katunob 11. August 1979, Seite 1-8.
[16] Carleton T. Hodge, „Ritual in Writing: An Inquiry into the Origin of Egyptian Script”, M. Dale Kinkade, Linguistics and Anthropology: In Honor of C. F. Voegelin, 1975, Seite 333f., 344.
[17] Eric S. Thompson, Maya Hieroglyphic Writing: An Introduction, 1960, Seite 9.
[18] Coe, 1971, Seite 305f; 1973, Seite 18 ff.
[19] Coe, 1971, Seite 305. Vergleiche Alfred M. Tozzer, „Landa's Relacion de las Cosas de Yucatan: A Translation”, 1. Harvard University, Peabody, Museum of American Archaeology and Ethnology, Papers, 18. Band, 1941, Seite 169.
[20] Coe, 1973, Seite 8; David H. Kelley, „Astronomical Identities of Mesoamerican Gods”, Archaeoastronomy (Supplement to Journal of the History of Astronomy) 11, 1980, Seite 1-54.
[21] Barthel, Seite 45.
[22] Ebd. Vergleiche Thompson 1970, Seite 7; Tozzer Seite 28.
[23] Thompson, 1960, Seite 61-62.
[24] Munro S. Edmonson, „The Book of Counsel; The Popol Vuh of the Quiche Maya of Guatemala”, Tulane University, Middle American Research Institute, Publication 35, 1971, Seite XI-XII.
[25] John W. Welch, Chiasmus in Antiquity: Structures, Analyses, Exegesis, (Hildesheim 1981); John W. Welch, „Chiasmus in the Book of Mormon”, Noel B. Reynolds, Book of Mormon Authorship: New Light on Ancient Origins, Provo, 1982, Seite 33-52.
[26] Welch, 1982, Seite 49f.
[27] Beispielsweise Margaret McClear, Popol Vuh: Structure and Meaning, 1972, Seite 55, 67-90; Marvin Cohodas, „The Iconography of the Panels of the Sun, Cross, and Foliated Cross at Palenque: Part 1”, Sociedad Mexicana de Antropologia, XIIIa Mesa Redonda, Xalapa, 1973, Mexiko 1975, Seite 75-101.
[28] Hodge, Seite 344.
[29] Tozzer, Seite 29.
[30] Ebd., Seite 28.
[31] Thompson 1960, Seite 23ff.
[32] Daniel W. Bachman, „Sealed in a Book: Preliminary Observations on the Newly Found ,Anthon Transcript' " Brigham Young University Studies 20, 1980, Seite 321-345; auch einzeln zu beziehen als Nachdruck BAC-80, Foundation for Ancient Research and Mormon Studies, P. O. Box 7113 University Station, Provo, Utah, 84602.
[33] B. H. Roberts, New Witnesses for God, 2. Band, 2. Teil, „The Book of Mormon”, Salt Lake City, 1926, Seite 95-100. Siehe die Abhandlung dieser Angelegenheit in meinem Buch: „The Book of Mormon as a Mesoamerican Codex”, Newsletter and Proceedings, Society for Early Historic Archaeology 139. 1976, Seite 2.

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