blogage.de > Das Buch Mormon > Eintrag > 11. April 2008 > Die „Hölzer” Ezechiels
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Generationen von Missionaren haben die Schriftstelle zitiert: „Du, Menschensohn, nimm dir ein Holz, und schreib darauf: Juda und die mit ihm verbündeten Israeliten. Dann nimm dir ein anderes Holz, und schreib darauf: Josef [Holz Efraims] und das ganze mit ihm verbündete Haus Israel. Dann füge beide zu einem einzigen Holz zusammen, so daß sie eins werden in deiner Hand.” (Ez 37:16,17.)
Für die Heiligen der Letzten Tage besagt diese Stelle: Ezechiel wußte, daß das Holz Josefs (nämlich das Buch Mormon) mit dem Holz Judas (nämlich der Bibel) zusammengefügt werden würde, um in den Letzten Tagen zur Wiederherstellung Israels beizutragen. Die Auslegungen innerhalb der Kirche sind zugegebenermaßen nicht einhellig in der Frage, was für „Hölzer” Ezechiel nun eigentlich meinte, ob von Kerbhölzern, Schriftrollen oder Zeptern die Rede sei. Trotzdem hat sich in der Kirche dank ,Lehre und Bündnisse', Abschnitt 27, Vers 5 die Überzeugung gehalten, daß jedes dieser Hölzer ein Buch darstelle.
Diese Auslegung ist jedoch nicht unwidersprochen geblieben. Bibelgelehrte außerhalb der Kirche bestehen auf der Ansicht, daß die herkömmliche christliche Deutung des „Holzes” als Stab oder Zepter sich mit der Aussage Ezechiels besser decke. Sie weisen darauf hin, daß der Herr unmittelbar nach der Prophezeiung von den Hölzern sagt: „Ich hole die Israeliten aus den Völkern heraus ... und bringe sie in ihr Land. Ich mache sie zu einem einzigen Volk. Sie sollen alle einen einzigen König haben. Sie werden nicht länger zwei Völker sein und sich nie mehr in zwei Reiche teilen.” (Ez 37:21,22.) Daraus, so schließen sie, gehe klar hervor, daß das Zusammenlegen der beiden Stammeszepter ein anschauliches Symbol für die Wiedervereinigung der geteilten Stämme sei. Die Auslegung des Propheten Joseph Smith erscheint so ungewöhnlich und steht so sehr außerhalb dieses Zusammenhangs, daß Kritiker von „Hineininterpretieren” reden, das heißt, die Stelle würde um irgendeines Beweises willen aus dem Zusammenhang gerissen.
Angesichts solcher Kritik hat Präsident Harold B. Lee 1968 vor Seminar- und Institutslehrern an der Brigham-Young-Universität die Deutung der Kirche neuerlich bestätigt: „Wie man hört, lehren manche, das Holz Josefs beziehe sich nicht auf das Buch Mormon, und der 27. Abschnitt des Buches ,Lehre und Bündnisse', Vers 5, wo dies steht, sei nicht im wörtlichen Sinn aufzufassen. Möge Gott verhüten, daß irgend jemand von Ihnen eine solche Lehre verkünde oder ihre Verkündigung zulasse, ohne daß Sie, die Sie die Wahrheit kennen und ein Zeugnis haben, dagegen auftreten.” („Viewpoint of a Giant", BYU, 18. Juli 1968, S.6.)
Hochinteressante Entdeckungen in jüngster Zeit bestätigen nun die Richtigkeit von Joseph Smiths Auslegung in einer Weise, wie es 1830 nicht denkbar gewesen wäre. Bevor wir uns aber diesen neuen Entdeckungen zuwenden, wollen wir uns kurz mit einigen linguistischen Fragen befassen. Das hebräische Wort an der bewußten Stelle im Buch Ezechiel ist ez, was soviel bedeutet wie „Holz”. Es kommt im hebräischen Text etwa 300mal vor.
Betrachten wir die im 3. vorchristlichen Jahrhundert von Juden für den jüdischen Gebrauch übersetzte Septuaginta, so stellen wir fest, daß ez 249mal als „Holz” (xylon) und nur 15mal als „Baum” (dendron) übersetzt wurde. Die Übersetzer der Septuaginta konnten Hebräisch und hatten ein Gefühl für ihre Muttersprache. Offensichtlich bedeutete für sie ez in erster Linie „Holz”. Es überrascht uns daher doppelt, daß die Übersetzer der Septuaginta gerade an dieser Stelle im 37. Kapitel nicht das Wort „Holz”, sondern „Stab” oder „Stock” (rabdos) verwendeten. Besonders eigenartig ist die Tatsache, daß dies die einzige Stelle in der ganzen griechischen Bibel ist, wo ez als rabdos übersetzt wird.
Was ist der Grund hierfür? Die Antwort auf diese Frage ist höchst wichtig, da sich ja die Mehrheit der heutigen Auslegungen gerade auf diese Übersetzung stützt.
Einige Gelehrte haben die Hypothese aufgestellt, der Übersetzer sei von Numeri 17:18,19 beeinflußt gewesen, wo der Herr von allen Stammesführern fordert, sie sollen ihre Namen auf Stäbe (rabdos) schreiben und die Stäbe über Nacht im Offenbarungszelt lassen. Die Verbindung mit den Namen der Stämme ist offensichtlich, und in der Tat findet sich am Ende von Ezechiel 37 ja auch die Prophezeiung von der Wiedervereinigung der Reiche. Allerdings haftet dieser Deutung ein Fehler an: Das Wort, das in Numeri als „Stab” übersetzt wird, ist nicht ez, sondern matteh, ein gebräuchliches hebräisches Wort mit der buchstäblichen Bedeutung „Stab”. Wenn also Ezechiel einen Stab gemeint hat, warum hat er dann nicht ebenfalls matteh geschrieben, sondern ez?
Im Licht dieser Tatsache gewinnen die Entdeckungen von Archäologen und Linguisten im Irak neue Bedeutung. Zum heutigen Irak gehört fast ganz Mesopotamien, wo sich die alten Reiche der Assyrer und Babylonier befanden. Als Ezechiel 593 v.Chr. zum Prophetenamt berufen wurde, lebte er mit vielen anderen von Nebukadnezar verschleppten Juden im babylonischen Exil. Wenn er durch die Straßen Babyfons ging, muß er gesehen haben, wie die Schreiber mit keilförmigen Hölzern komplexe Aufzeichnungen in weiche Tontafeln schrieben. Wir kennen diese Aufzeichnungen heute als Keilschrift. Der Wissenschaft ist ferner bekannt, daß in Mesopotamien auch andere Aufzeichnungen geführt wurden, nämlich auf Papyrus, Pergament und auf Holztafeln. Zwar haben nur die Tontafeln die Jahrtausende heil überstanden, aber sie enthalten Hinweise auf andere Schreibmaterialien.
Papyrus und Pergament waren der modernen Archäologie bekannt, was aber hatte es mit den Holztafeln auf sich? Wie konnte darauf Keilschrift geschrieben werden? Die Gelehrten nahmen hypothetisch an, daß die Mesopotamier Keilschriftzeichen auf Holz gemalt haben müssen.
Diese Annahme wurde allerdings vor etlichen Jahren verworfen, als San Nicolo in den Archiven des Enna-Tempels in Uruk im südlichen Babylonien zwei Tontafeln entdeckte. Die eine datiert vom Jahr 596 v.Chr., die andere vom Jahr 582 v.Chr. Beide Schreiber erwähnen, daß sie Bienenwachs (und eine weitere, San Nicolo nicht bekannte Substanz) vom Lagerhaus des Tempels bezogen, um Füllungen für ihre Holztafeln anzufertigen. Warum Füllungen? San Nicolo erinnerte sich, daß sowohl Griechen als auch Römer hölzerne Wachstafeln machten, um Aufzeichnungen zu führen. Man nahm die Oberfläche der Holztafeln aus und ließ einen Rand stehen, so daß die Tafel mit einer dünnen Wachsschicht ausgegossen werden konnte. Auf das Wachs wurde geschrieben. Der erhöhte Rand schützte die beschriebene Oberfläche, wenn zwei Tafeln zusammengelegt wurden.
Konnte es sein, daß die Babylonier dieselbe Methode verwendeten? San Nicolo erkannte, daß ein Keilschriftschreiber mit einem Griffel auf Wachs genauso schreiben konnte wie auf Ton, während der Schreibvorgang ein ganz anderer ist, wenn man auf Holztafeln malt. Er schloß daraus, das hölzerne Schreibbrett der Babylonier müsse eigentlich eine Wachstafel gewesen sein, und veröffentlichte seine Schlußfolgerungen im Jahr 1948. Weil Wachstafeln schlecht haltbar seien, so vermutete er, habe man noch keine gefunden. Doch fünf Jahre später machte man zum Erstaunen der damit befaßten Archäologen im Gebiet des alten Assyrerreiches eine Entdeckung, die seine Theorie haargenau bestätigte.
Der Fund wurde unter der Leitung des Archäologen Max Mallowan in der Schlammschicht eines tiefen Brunnens in Nimrud, dem biblischen Kelach, gemacht. Als erstes fand man ein Bruchstück einer flachen, zerbrochenen Elfenbeintafel, 150x 150 mm in der Fläche und 12 mm dick. Am selben Tag fanden die Arbeiter die zweite Hälfte dieser Tafel, und als sie ihre Arbeit beendet hatten, hatten sie zwei vollständige Tafelsätze. Beide Sätze bestanden aus Tafeln mit denselben Maßen: 330x 152x 12 mm. Die Oberfläche der Tafeln war 2,5 mm tief ausgenommen, wobei ein 12 mm breiter Rand stehengelassen worden war. Die ausgenommene Oberfläche bildete das Bett für eine Wachsfüllung. Ein paar dünne, wie gebacken wirkende Stücke hafteten noch an den Tafeln, und weitere Stücke fanden sich im Schlamm. Durch den Schlamm war der Großteil der Schrift verwischt worden, aber sie war immer noch zu erkennen, und ein Fragment wies sogar lesbare Keilschriftzeichen auf.
Die Deckplatten, deren äußere Fläche keine Wachsfüllung hatten, ließen beidseitig Spuren von Scharnieren erkennen. Man sah auch, daß alle sechzehn Tafeln eines Satzes wie ein japanischer Wandschirm zusammengehangen hatten. Der gesamte Fund enthielt so viele Aufzeichnungen, daß Mallowan vom ältesten bekannten Exemplar eines Buches sprechen konnte. Laboranalysen ergaben weitere Details über die Füllmasse, die aus einem Teil aus Arsensulfid und vier Teilen Wachs bestand. Das Arsensulfid muß die zweite Substanz gewesen sein, die San Nicolo anhand der Tontafeln, die er gelesen hatte, nicht hatte identifizieren können. Der Zweck dieser Substanz bestand darin, das Wachs weich genug zu halten, so daß man mit dem Griffel einen deutlichen Abdruck machen konnte, und sie verlieh dem Wachs auch eine hellgelbe Oberfläche. Die kleine, saubere Schrift, die auf dem einen Wachsfragment erhalten geblieben war, ist so kompakt, daß die dreißig Schreibplatten insgesamt an die 7500 Zeilen enthalten haben können.
Auf dem Deckel eines der hölzernen Bücher steht: „Palast des Sargon, des Königs der Welt und Königs von Assyrien. Dieser ließ den Text, beginnend mit den Worten ,Enuma Anu Enlil', auf eine Elfenbeintafel schreiben und in seinem Palast in Dur-Sharrukin aufbewahren.” Als Sargon 705 v.Chr. starb, wurde der Palast geplündert und das Tafelgefüge auseinandergerissen, wahrscheinlich der Scharniere wegen, die vielleicht aus Gold waren. Die „wertlosen” Platten warf man in den Brunnen.
Diese eine Entdeckung bestätigte die Hypothese von San Nicolo. Archäologen wußten, daß im Babylonischen Reich schon 1700 v.Chr. Holztafeln verwendet wurden, denn mehrere Keilschrifttexte erwähnen den Begriff is le'u. Ein Jahrtausend später verwendete man in Assyrien Holztafeln zur Aufzeichnung religiöser Texte und Riten, für Berichte und königliche Verordnungen, für Namenslisten und um detaillierte Beschreibungen von Liegenschaften festzuhalten. Auch Listen über Schiffsladungen und über den Verkauf von Öl wurden so geführt.
Als man einen Satz solcher Tafeln einmal gefunden hatte, erkannte man auf assyrischen Reliefdarstellungen, wie sie verwendet wurden. Auch auf aramäischen Monumenten im nördlichen Mesopotamien, die aus derselben Zeit stammen, tauchten Darstellungen davon auf. Was die Hethiter betrifft, hat man noch keine diesbezüglichen Zeugnisse gefunden, doch San Nicolo hat darauf hingewiesen, daß bei den Hethitern, die sich ebenfalls einer Keilschrift bedienten, Aufzeichnungen auf Holz erwähnt werden. Sie hatten auch eine besondere Bezeichnung für den Schreiber, der solche Aufzeichnungen anfertigte.
Altertumsforscher wissen seit langem, daß die Griechen und Römer Wachstafeln verwendeten. Zacharias schrieb den Namen seines Sohnes, Johannes des Täufers, auf eine solche Tafel (Lk 1:63). In Europa wurden sie bis wenigstens ins 14. Jahrhundert n. Chr. verwendet. Das Schreiben auf Wachstafeln war also über Jahrtausende (1700 v.Chr. bis 1400 n. Chr.) und in vielen Kulturen allgemein üblich.
Wie hilft uns diese Erkenntnis bei der Deutung der Stelle in Ezechiel? Alle, die damit befaßt sind, stimmen darin überein, daß die Auslegung dieser Passage mit dem, was wir über die Sprache wissen, in Einklang stehen muß, außerdem auch mit dem, was über den Zusammenhang der Prophezeiung bekannt ist; denn aus dem Zusammenhang geht der Sinn hervor.
Ezechiels Kontext ist die Welt der Babylonier mit ihren Gebräuchen und Gepflogenheiten. Seine Sprache ist das Hebräische, das mit dem Babylonischen verwandt ist. Das babylonische Wort is ist mit dem hebräischen ez verwandt; beides bedeutet Holz. Der Umstand, daß die Elfenbeintafel im akkadischen Text als ein aus schin piri gefertigtes is le'u bezeichnet wird — als eine „Holztafel aus Elfenbein”, was absurd erscheint —, deutet darauf hin, daß der Begriff is le'u bereits die Bedeutung „Holztafel” verloren hatte und schlechthin „Schreibtafel” bedeutete, unabhängig davon, aus welchem Material sie bestand. Ähnlich bedeutete ja auch das lateinische Wort für Buch — liber — ursprünglich „Baumrinde”. Trotzdem ist etwa ein heutiger englischer Bibliothekar (librarian) kein Baumrindenspezialist! Im Hinblick auf all dies wird uns klar, daß man Ezechiel 37:15-17 folgendermaßen übersetzen könnte:
„Das Wort des Herrn erging an mich: Du, Menschensohn, nimm dir die Seite einer Holztafel und schreib darauf: Juda und die mit ihm verbündeten Israeliten. Dann nimm dir eine andere Seite, und schreib darauf: Josef [die Tafel Efraims] und das ganze mit ihm verbündete Haus Israel. Dann lege die beiden zusammen, so daß sie eine Tafel ergeben, damit sie eine Falttafel in deiner Hand bilden.”
Diese Übersetzung stimmt mit allem, was wir über Ezechiels Sprache und Kultur wissen, überein. Der Wortlaut stammt aus der New English Bible, einer Übersetzung, die von den großen protestantischen Kirchen und Bibelgesellschaften Großbritanniens empfohlen wird. Niemand muß sich also mehr verteidigen, weil er die „Hölzer” als Aufzeichnungen betrachtet, ja im Gegenteil: Diejenigen, die sie als Zepter oder was auch sonst gedeutet haben, brauchen nun wohl eine Erklärung dafür, wie dies mit der Kultur zu vereinbaren ist, in der Ezechiel gelebt hat.
Kurz nachdem die Holztafeln durch Mallowans Ausgrabungen zutage gekommen waren, stürzte der alte Brunnen ein, wobei fast ein alter Mann, den man mit Seilen hinuntergelassen hatte, ums Leben kam. Mallowan schrieb, er habe nicht nur großes Glück gehabt, weil er vor dem Einsturz des Brunnens den Arbeiter und die Tafeln bergen konnte, sondern es sei auch ein außerordentlicher Glücksfall gewesen, daß die Tafeln überhaupt entdeckt wurden: „Daß diese organische Substanz auf dem Grund des Brunnens erhalten geblieben ist, kommt einem Wunder gleich und ist der besonderen Zusammensetzung des Schlammes zu verdanken.
Durch diesen einzigartigen Glücksfall war es möglich, eine 'Art von Schriftzeugnissen vor dem völligen Verschwinden zu bewahren, die nur in einem einzigen Exemplar erhalten geblieben war, obwohl es solche Schriften in Hunderten westasiatischen Städten gegeben haben muß. Wir haben es hier mit dem ältesten bekannten greifbaren Zeugnis einer wahrscheinlich einst allgemein üblichen Form der Aufzeichnung zu tun.”
Ein einzigartiger Glücksfall? Ein Wunder? Kein größeres Wunder als die Tatsache, daß der Prophet Joseph Smith zu Anfang des 19. Jahrhunderts in den Hinterwäldern des Bundesstaates New York eine Bibelstelle entgegen allen logischen und herkömmlichen Ansichten ausgelegt hat, um dann durch Entdeckungen im 20. Jahrhundert gerechtfertigt zu werden. Solch kleine Details lassen das wiederhergestellte Evangelium in eindrucksvoller Weise in einem klaren Licht erscheinen. Sie zeigen, wie inspiriert das allzu kurze geistliche Wirken Joseph Smiths gewesen ist.
Keith H. Meservy, Dezember 1983

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