blogage.de > Das Buch Mormon > Eintrag > 29. August 2008 > Das Buch Mormon lesen und verstehen
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Wo der Begriff Offenbarung schon im ersten Kapitel klar zum Vorschein kommt, ist es nicht verwunderlich, daß man ihn auf praktisch jeder Seite des Ersten Buches Nephi wiederfindet. Das zweite Kapitel beginnt: „Denn siehe, es begab sich: Der Herr redete zu meinem Vater, ja, nämlich in einem Traum, und sprach zu ihm: . . .” Im zweiten Vers wird die Botschaft bekräftigt: „Der Herr gebot meinem Vater ...” Bis Vers 16 und 19 hat sich der Kreis geweitet und schließt Nephi mit ein: Er (der Herr) besuchte mich" und „sprach zu mir.”
Weitere Offenbarung kommt in den folgenden Kapiteln vor. Lehi sagt seinem Sohn: „Siehe, ich habe einen Traum geträumt; darin hat mir der Herr geboten, daß du und deine Brüder nach Jerusalem zurückkehren sollt.
(1. Ne. 3:2.).” Als die Erfüllung des Gebotes die Brüder vor einige Schwierigkeiten stellte, „kam ein Engel des Herrn und stellte sich vor sie und sprach zu ihnen (1. Ne. 3:29.)”. Als Nephi allein nach Jerusalem ging, wurde er vom Geist erfüllt, und in seiner schwersten Stunde schrieb er: „Und ich wurde vom Geist geführt (1. Ne. 4:6,10).” Schließlich wurde noch ein Mann getötet, bevor Nephi in den Besitz dessen kommen konnte, was er holen sollte — der geschriebenen Offenbarungen Gottes. Auf ernüchternde Weise wird Nephi und seinen Lesern die absolute Notwendigkeit heiliger Schrift beigebracht, selbst wenn es dabei um Leben und Tod geht. Ohne die heilige Schrift würden ganze Völker entarten und in Unglauben vergehen.
Deshalb enthalten fünf Kapitel, Prophezeiungen, Berichte über die Stimme Gottes, Visionen, Engel, Einflüsterungen des Heiligen Geistes — Offenbarung auf Offenbarung, Vers für Vers. Auf diesen ersten Seiten muß jeder ernsthafte Leser den Grundsatz begreifen, daß der Mensch imstande ist, Führung von Gott zu erhalten. In diesem Buch kommt diese Behauptung sehr stark durch und wird an erste Stelle gestellt. Jemandem, der nicht daran glauben will, daß ein Vater im Himmel die Angelegenheiten seiner Kinder hier auf Erden lenkt, hat das Buch Mormon einfach nichts weiter zu sagen. Wenn der Leser aber gewillt ist, sich weiter in das Buch zu vertiefen, wird er freilich zu einigen der herrlichsten Offenbarungen geführt, die je schriftlich festgehalten worden sind, einschließlich der Vision Lehis vom Baum des Lebens (den man nur erreicht, wenn man am Wort Gottes festhält) und Nephis eigener beachtlicher Vision von den Ereignissen, die sich, angefangen mit der Geburt Christi, bis zum Ende der Welt zutragen. Am Schluß des Ersten Buches Nephi stellt Jehova durch Jesaja die Frage: „Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, daß sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Ja, sie mögen vergessen, so will ich doch deiner nicht vergessen, o Haus Israel. Siehe, auf meine Handflächen habe ich dich gezeichnet
(1. Ne. 21:15,16).” Das Buch Mormon lehrt sowohl durch sich selbst als auch durch seine Aussage, daß uns Jehova nie vergessen wird.
Ich meine, es ist auch wichtig zu bemerken, daß uns im Verlauf dieser Kapitel wiederholt die Aufgabe klargemacht wird, die wir im Vorgang der Offenbarung haben. Angefangen mit Lehis erstem Gebet, werden wir durch Nephis spätere Überlegungen hindurch zu einigen der detailliertesten Berichten geführt, die wir in der Schrift darüber haben, wie man Offenbarung bekommen kann. So wird Nephi beispielsweise in den Kapiteln 11-15 immer wieder vom Geist des Herrn bzw. von einem Engel geboten: „Siehe!”, „Siehe”, lädt der Geist ein, und Nephi sieht dieselben Symbole, die sein Vater in einer Vision geschaut hat. „Siehe”, gebietet ihm der Geist, und er erfährt, was die Symbole bedeuten. „Siehe”, ruft der Geist, und Nephi schaut das Schicksal eines Volkes und das Ende der Welt. „Siehe”, fordert der Geist fast ein dutzendmal auf weniger als halb soviel Seiten. Kann es sein, daß dieses kurze Gebot ebenso entscheidend für das ist, was im verbleibenden Teil des Buches geschieht bzw. nicht geschieht? „Seht'', scheinen uns die Engel des Himmels aufzufordern. „Gebraucht eure Augen und rettet eure Seele. Lest die Offenbarungen Gottes. Öffnet euer Verständnis, damit ihr eine Welt der Träume, Visionen, Prophezeiungen und Eingebungen schaut." Gewiß ist das, was noch tragischer ist, als die Schrift nicht zu lesen, daß man sie nicht lesen will. Jesus weinte über die, die Augen hatten und doch nicht sehen wollten.
Noch etwas anderes scheint sich in diesen Eröffnungskapiteln des Buches Mormon zuzutragen, etwas, was darauf hinweist, daß nicht nur Kapitel innerhalb eines Buches zusammenhängen, sondern daß auch Bücher mit anderen Büchern zusammenhängen, um ein großes Ganzes zu bilden. Irgendwann im Verlauf unseres Ergründens erkennen wir, daß es in diesem Ersten Buch Nephi eine sich wiederholende Reihe von Konfrontationen und Alternativen gibt. Nephi ist eine Art Sohn, Laman eine andere. Lehi ist eine Art örtlicher Führer, sein Verwandter, Laban, eine andere usw. Auf einer Liste dieser Alternativen mag u.a. folgendes einander Entgegenstehendes zu finden sein:
Und der Satan wird schließlich besiegt und viele Jahre lang gebunden
(1. Ne. 22:26). Solch einen Pfad der Entscheidungen und Alternativen entlang bahnt sich Nephi gebeterfüllt und mit einiger Mühe den Weg durch die Wildnis des Erdenlebens. Er und seine kleine Gruppe von treuen Anhängern scheint sich damit abgefunden zu haben, daß sie damit rechnen können, daß wahrscheinlich jeder positiven Anstrengung ihrerseits mit Widerstand begegnet werden wird.
„Jedes Ding muß seinen Gegensatz haben.” Das klingt bekannt. Und wir fangen an, im Zweiten Buch Nephi die größte Rede darüber zu lesen, daß alles seinen Gegensatz haben muß, die wir überhaupt in der Schrift finden. Das Thema gipfelt im Fall Adams, im Sühnopfer Christi und in dem Grundsatz der Entscheidungsfreiheit, wodurch wir mit den Auswirkungen beider verknüpft werden
(2. Ne. 2:11).
Ich bin sicher, daß Lehi schon im Ersten Buch Nephi eine gewaltige Predigt über den Gegensatz und die Entscheidungsfreiheit hätte halten (bzw. einen patriarchalischen Segen hierüber hätte geben) können. Doch wieviel machtvoller ist es doch für seine Söhne — und Leser —, fünfzig Seiten solcher Konfrontationen und Alternativen durchlebt zu haben, bevor sie sie hören. Die wenigen Treuen in dieser kleinen Gruppe haben wohl soviel Gegensatz oder Widerstand gehabt, wie sie ertragen konnten. Aber es hat sie etwas über sich selbst, eine gefallene Welt, den Plan Gottes und die Ausübung der Entscheidungsfähigkeit gelehrt. Gewiß hat es sie viel über den Messias gelehrt, der kommen, allem Widerstand vom Anfang bis zum Ende der Welt standhalten und alle denen Freiheit und ewiges Leben gewähren würde, die von den quälenden Ketten der Hölle frei sein wollen.
Es hat also den Anschein, daß alle Härten des Ersten Buches Nephi den Zweck gehabt haben, uns auf das Zweite Buch Nephi und die Person Christi hinzulenken, die das Buch völlig beherrscht. Diese 33 Kapitel zeugen von der Mission, die Christus in unserer Erdenreise zu vollbringen haben würde, wobei stark auf die messianischen Prophezeiungen Jesajas und die Ereignisse verwiesen wird, die das Hervorkommen des Buches Mormon, unseres neuzeitlichen Zeugens für die Göttlichkeit Christi, umgeben. Das Zweite Buch Nephi schließt dann mit Nephis majestätischer Predigt über die Lehre Christi, seinem Schlußzeugnis, das an noch ungeborene Generationen gerichtet ist. Als Nephi stirbt, tritt Jakob auf, um vor Sünden zu warnen, die uns von Christus entfernen. So warnte er vor Stolz, Gier nach Reichtümern, sexueller Unmoral und sogar vor dem direkten Einfluß eines Antichristen wie Sherem. Und so fährt das Buch fort. Beim Weiterlesen könnte die Frage auftauchen:
Warum folgt Alma 31, ein Kapitel über die selbstgerechten, „gebeterfüllten” Zoramiten, Alma 30, einem Kapitel über Korihor, den sozusagen ungerechtesten, gebetlosesten Antichristen im Buch? Was haben diese Kapitel mit Alma 32, der meisterhaften Lektion über den Glauben, zu tun? Warum ist ein eigentümliches kleines Kapitel wie Alma 33, das eine unbekannte Predigt Zenos' enthält, zwischen zwei Meisterstücke wie Alma 32 und Alma 34 gefügt worden? Ist es auch ein Meisterstück, das die anderen beiden verbindet? Und was haben all dieses Kapitel (Alma 30 bis 40) mit der „Strenge des Wortes” in Alma 35 und mit Almas eindringlichen persönlichen Ratschlägen an seine Söhne in Alma 36 bis 42 zu tun?
Oder welchen Beitrag leistet 3. Nephi 11 zur „Bergpredigt” des Buches Mormon (3. Ne. 12, 13, 14)? Inwiefern stellt das Bauen auf dem Fels die Klammern für die ganze Predigt dar? Warum folgt eine Belehrung über das Abendmahl (3. Nephi 18) dem besonderen Erlebnis, das Christus mit kleinen Kindern in 3. Nephi 17 hat? Und was hat das große Bedürfnis nach dem Heiligen Geist (3. Ne. 19) mit einem jeden der vorangegangenen Kapitel zu tun?
Das Buch Mormon enthält: Worte voller Bedeutung, Lehren der Erlösung, längere prophetische Abschnitte, die wie Kunstwerke aufgebaut sind. Buch für Buch ist es zum „der Wahrheit am meisten entsprechende Buch” zusammengefaßt worden, zu einem Buch mit nur einer Botschaft, daß nämlich Jesus Christus der Erlöser ist und daß es keinen anderen Weg gibt. Es ist, gemessen an jedem anerkannten Maßstab, ein großes Buch, ein klassisches Buch, ein Buch der Bücher. Es ist das Wort Gottes und ein Grundpfeiler unserer Religion. Wir sollten stets aus seiner Quelle trinken, da wir doch wie durstige Kinder sind.
Jeffrey Holland, November 1976

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